14. August 2018: Heute, am 85. Hochzeitstag meiner Großeltern, der immer schon und bis heute eine besondere Bedeutung in unserer Familie hat, schließe ich das Buch über die vertriebenen Künstler der Volksoper ab. Eine wahre Tour de Force, 320.000 Zeichen in sechs Wochen als konzentrierte Verarbeitung aller Informationen, die in den vergangenen Monaten bei mir zusammengeflossen sind. Diese vergangenen Wochen waren wirklich sehr speziell – ich als so soziales Wesen bin unsichtbar geworden, habe bis auf meine eigenen Buchpräsentationen und mein eigenes Festival das Haus resp. den Garten nicht verlassen – und war und bin glücklich. Was für eine eigenartige Situation. Normalerweise bedeutet Sommer für mich viele Besuche und wenig Gegenbesuche, Freunde, Familie und Kinder, die den Garten, den See, das Haus bevölkern und der Sommerfrische erst die richtige Dynamik bringen. Nicht, dass die heuer alle fehlen, im Gegenteil. Doch ich fehle trotz meiner physischen Anwesenheit. Ich steige aus dem zweiten Stock herunter, um zehn Minuten zu frühstücken und mit Tee und Kaffee wieder zu entschwinden. Das wiederholt sich zu Mittag und am Abend. Ich koche fast nie – und trotzdem gibt es etwas zu essen. Ich springe oft in den See und lege mich nicht in die Sonne – weil es eh viel zu heiß ist. Ich, die große Bäckerin, backe ein einziges Mal einen Kuchen, der fast anrennt, denn ich sitze schon wieder vor dem Computer. Ich, die es liebt, am Abend Mah Jongg zu spielen, entfläuche und schreibe bis zwei Uhr Früh weiter. Jeden Tag, jede Nacht.

Bei meinen seltenen Aufenthalten im Freien spüre ich erst die Hitze, die mir im Haus verborgen bleibt – eigentlich ist meine Beschäftigung ideal, um diesen unfassbaren Sommer unbeschadet zu überstehen.

Heute um zwei Uhr Nachmittag schicke ich den Text ab – und sofort überfällt mich eine bleierne Müdigkeit. Der Körper reagiert rascher als der Geist auf Entspannung, die jedoch nicht lange anhalten darf. Denn nur eine Stunde später erfahre ich, dass ich um vier Uhr die Enkelin des Librettisten Julius Brammer in Bad Ischl treffen darf, was für eine Freude. Und die Müdigkeit ist wie weggeblasen. Sie kommt mit ihrer Tochter Denisha. Und mir erfährt die Ehre, ihnen ein wenig den Bad Ischler Geist näherzubringen, ein Geist, vorerst voller Kreativität, Begeisterung und vieler Meisterwerke. 1938 wandelt sich dieser Geist in Hass, Neid, Missgunst und Diebstahl – und einmal mehr frage ich, wie das passieren kann. Julius und Rosemarie Brammer werden enteignet und flüchten nach Südfrankreich, wo Julius Brammers Leben am 18. April 1943 in dem mondänen Badeort Juan-les-Pins an der Côte d’Azur endet – der Lauf der Geschichte hat ihn an einen Ort vertrieben, der für andere Menschen der Inbegriff von elegantem Nichtstun ist, für Brammer hingegen bedeutet er den Verlust der Heimat und letztendlich des Lebens.

Seine Frau und Tochter überleben in Frankreich, versteckt in einem Nonnenkonvent, und gehen nach dem Krieg nach Amerika. Seine Enkelin und Urenkelin, die in San Francisco leben, kehren heute erstmals nach Bad Ischl zurück – in die Stadt, in der Julius so glücklich war, und begeben sich auf Spurensuche. Die einstige Villa Brammer kann wenigstens von außen betrachtet werden, die Villen der Freunde und Kollegen von Kálmán über Grünwald, Lehár und Straus zeigen den Besucherinnen die Stätten der Operetten-Erfolgsgeschichte. Ein Besuch der Ausstellung im Museum der Stadt Bad Ischl beschließt diesen Tag ganz im Zeichen der Operette, die Julius Brammer einst federführend mitgeprägt hat. Die Ausstellung besucht auch der Rotary-Club Bad Ischl, hat doch Franz Lehár die Rotary-Hymne anlässlich der Gründung des ersten Rotary-Clubs in Wien komponiert, unterstützt vom Star-Texter Fritz Löhner-Beda. Beim Abendessen des Rotary-Clubs sind auch Rosemarie und Denisha Gäste – und ich darf noch ein wenig über die Villen in Bad Ischl und am Attersee sprechen – das Interesse überwältigt mich einmal mehr.