Das Buch über Pötzleinsdorf fordert mich mehr heraus als erwartet. Denn die Grundkonstellation hier, in meiner nächsten Heimat, war gelinde gesagt katastrophal. Im Jahr 1938 wurden geschätzte 2/3 aller Häuser hier in diesem kleinen Gebiet, das aus fast nur vier Straßen besteht, arisiert. Nachbarn wurden aus ihren Häusern gejagt, zur Flucht gezwungen, zum „Verkauf“ forciert, verhaftet, gequält, ermordet.

Die Lebenserinnerungen eines jungen Mannes geben tiefen Einblick: Er schildert seine Verhaftung und sieht sich plötzlich gemeinsam mit dem älteren soignierten Großindustriellen, dem regen Rechtsanwalt, dem angesehenen Universitätsprofessor fassungslos der unverständlichen Gewalt des Pöbels ausgesetzt. Einmal mehr wird das Grauen persönlich, rückt nahe, lässt sich nicht mehr hinter anonymen Massen verstecken.

Dann höre ich Interviews mit fast 100-jährigen Damen, die ihre Freundschaft aus Pötzleinsdorf nach New York retten, dort ein neues Leben aufbauen und doch ihre gemeinsame Jugend nicht vergessen, darüber sprechen, sich erinnern. Und doch nie mehr zurückkehren. All das Menschenverachtende, das ihnen und ihren Familien zugestoßen ist, können sie niemals vergessen.

Und es gibt die Familie, die in Caracas Zuflucht finden konnte – bedeutende Rechtsanwälte, die sich für Menschenrechte bis heute einsetzen. Ihre Villa in Pötzleinsdorf erhielten sie zurück – zu 2/3. 1/3 behielt der Ariseur für die Abgeltung seiner „Investitionen“. Was macht man aber mit 2/3 eines Wiener Hauses in Caracas? Richtig. Gar nichts. Und war hat Interesse, diese zu erwerben? Noch einmal richtig: Der Ariseur. Und so bleibt das Haus letzten Endes in seinem Besitz.

Es gibt noch unzählige ähnliche Geschichten in Pötzleinsdorf.

Warum ich dies aber heute erzähle? Es betrifft uns genauso. Ganz deutlich und direkt. Wir glauben, etwas gelernt zu haben, in einer so aufgeklärten und liberalen Gesellschaft zu leben. Nein! Denn wir leben in einer Gesellschaft, in der die Justizministerin rund um die Uhr Polizeischutz benötigt. Warum? Sie wurde in Bosnien geboren. Welches Manko soll das eigentlich darstellen? Was fällt Menschen ein, dies als Grund für Morddrohungen zu formulieren? Eine Juristin, besser und internationaler ausgebildet als so mancher gebürtiger Österreicher.

„Die Luft, in die wir treten, vibriert förmlich vom Kreischen, Johlen, Pfeifen. Schon bin ich davon überzeugt – es kann doch gar nicht anders sein –, daß die Wiener ‚Straße‘, die einfachen, urwüchsigen Menschen, mit denen wir friedlich und freundschaftlich ausgekommen sind, mit ihrem oft wohl zögernden und leicht irre zu leitenden, letztlich aber umso klarer hervorbrechenden Sinn für Gerechtigkeit und Anstand hier gegen den schändlichen Menschenfang auftritt, mit dem die neuen Machthaber, Fremdlinge, ihren bisherigen Gewaltakten die Krone aufgesetzt haben. Euer Protest vereint uns. Und wenn er uns Verhaftete schon nicht befreien kann, so wird er wenigstens das Ansehen der alten Kaiserstadt in der zivilisierten Welt retten. Noch heute kann ich nicht ohne bittere Scham an meine Begeisterung in diesen Augenblicken denken. Noch heute fällt es mir schwer, die abgründige Weltfremdheit zu bekennen, die mich in meiner Erregung verführte, den Ausbruch der Massenseele so falsch zu verstehen. Was uns umtobt, ist nicht der Empörungsschrei eines Volkshaufens gegen die ungerechte Behandlung von Mitbürgern. Es ist feiger Haß ewiger Kanaille, ihre Lust, den am Boden Liegenden einen Tritt zu versetzen. Ganz deutlich höre ich jetzt ein Wort hervorgellen: ‚Dachauer! … Dachauer!‘ Und nun ausführlicher: ‚Nach Dachau mit den Saujuden!… Nach Dachau mit ihnen!‘“ So beschreibt Erich Schweinburg seine Erfahrungen 1938 in Wien. Heute ist aus der Straße wohl das Internet geworden. Und besser ist das wahrlich nicht. Denn wenn die Justizministerin des Schutzes der Cobra bedarf, schwindet sogar meine Hoffnung.

Wir müssen uns wehren.

Teile diesen Beitrag

Neueste Beiträge

Archive

Das Buch über Pötzleinsdorf fordert mich mehr heraus als erwartet. Denn die Grundkonstellation hier, in meiner nächsten Heimat, war gelinde gesagt katastrophal. Im Jahr 1938 wurden geschätzte 2/3 aller Häuser hier in diesem kleinen Gebiet, das aus fast nur vier Straßen besteht, arisiert. Nachbarn wurden aus ihren Häusern gejagt, zur Flucht gezwungen, zum „Verkauf“ forciert, verhaftet, gequält, ermordet.

Die Lebenserinnerungen eines jungen Mannes geben tiefen Einblick: Er schildert seine Verhaftung und sieht sich plötzlich gemeinsam mit dem älteren soignierten Großindustriellen, dem regen Rechtsanwalt, dem angesehenen Universitätsprofessor fassungslos der unverständlichen Gewalt des Pöbels ausgesetzt. Einmal mehr wird das Grauen persönlich, rückt nahe, lässt sich nicht mehr hinter anonymen Massen verstecken.

Dann höre ich Interviews mit fast 100-jährigen Damen, die ihre Freundschaft aus Pötzleinsdorf nach New York retten, dort ein neues Leben aufbauen und doch ihre gemeinsame Jugend nicht vergessen, darüber sprechen, sich erinnern. Und doch nie mehr zurückkehren. All das Menschenverachtende, das ihnen und ihren Familien zugestoßen ist, können sie niemals vergessen.

Und es gibt die Familie, die in Caracas Zuflucht finden konnte – bedeutende Rechtsanwälte, die sich für Menschenrechte bis heute einsetzen. Ihre Villa in Pötzleinsdorf erhielten sie zurück – zu 2/3. 1/3 behielt der Ariseur für die Abgeltung seiner „Investitionen“. Was macht man aber mit 2/3 eines Wiener Hauses in Caracas? Richtig. Gar nichts. Und war hat Interesse, diese zu erwerben? Noch einmal richtig: Der Ariseur. Und so bleibt das Haus letzten Endes in seinem Besitz.

Es gibt noch unzählige ähnliche Geschichten in Pötzleinsdorf.

Warum ich dies aber heute erzähle? Es betrifft uns genauso. Ganz deutlich und direkt. Wir glauben, etwas gelernt zu haben, in einer so aufgeklärten und liberalen Gesellschaft zu leben. Nein! Denn wir leben in einer Gesellschaft, in der die Justizministerin rund um die Uhr Polizeischutz benötigt. Warum? Sie wurde in Bosnien geboren. Welches Manko soll das eigentlich darstellen? Was fällt Menschen ein, dies als Grund für Morddrohungen zu formulieren? Eine Juristin, besser und internationaler ausgebildet als so mancher gebürtiger Österreicher.

„Die Luft, in die wir treten, vibriert förmlich vom Kreischen, Johlen, Pfeifen. Schon bin ich davon überzeugt – es kann doch gar nicht anders sein –, daß die Wiener ‚Straße‘, die einfachen, urwüchsigen Menschen, mit denen wir friedlich und freundschaftlich ausgekommen sind, mit ihrem oft wohl zögernden und leicht irre zu leitenden, letztlich aber umso klarer hervorbrechenden Sinn für Gerechtigkeit und Anstand hier gegen den schändlichen Menschenfang auftritt, mit dem die neuen Machthaber, Fremdlinge, ihren bisherigen Gewaltakten die Krone aufgesetzt haben. Euer Protest vereint uns. Und wenn er uns Verhaftete schon nicht befreien kann, so wird er wenigstens das Ansehen der alten Kaiserstadt in der zivilisierten Welt retten. Noch heute kann ich nicht ohne bittere Scham an meine Begeisterung in diesen Augenblicken denken. Noch heute fällt es mir schwer, die abgründige Weltfremdheit zu bekennen, die mich in meiner Erregung verführte, den Ausbruch der Massenseele so falsch zu verstehen. Was uns umtobt, ist nicht der Empörungsschrei eines Volkshaufens gegen die ungerechte Behandlung von Mitbürgern. Es ist feiger Haß ewiger Kanaille, ihre Lust, den am Boden Liegenden einen Tritt zu versetzen. Ganz deutlich höre ich jetzt ein Wort hervorgellen: ‚Dachauer! … Dachauer!‘ Und nun ausführlicher: ‚Nach Dachau mit den Saujuden!… Nach Dachau mit ihnen!‘“ So beschreibt Erich Schweinburg seine Erfahrungen 1938 in Wien. Heute ist aus der Straße wohl das Internet geworden. Und besser ist das wahrlich nicht. Denn wenn die Justizministerin des Schutzes der Cobra bedarf, schwindet sogar meine Hoffnung.

Wir müssen uns wehren.

Neueste Beiträge

Archive

Teile diesen Beitrag